Bereit für Meister Adebar

Weit mehr als ein Menschenalter ist vergangen, als das Bild der Ortschaften rund um Adelebsen noch von lehmverputzten Fachwerkgebäuden, großen Obst- und Gemüsegärten und mächtigen,
oft uralten Dorflinden geprägt war. Auch Tiere verschiedenster Art gehörten zum alltäglichen Anblick – nicht nur Pferde- und Ochsengespanne, an den Wegrändern grasende Ziegen und allerlei Hausgeflügel wie Gänse, Enten, Hühner und Tauben, die in großer Zahl frei in den zumeist noch ungepflasterten Gassen umherliefen. Mancherorts thronte über den Hausdächern auch ein stattlicher Reisighorst, von dem aus das lokale Storchenbrutpaar gelassen auf das menschliche Treiben unter sich herabblickte. 

Bis vor kurzem schien es, als sollte Meister Adebar im Westteil des Landkreises Göttingen für immer der Vergangenheit angehören und nicht mehr als eine romantische Erinnerung bleiben. Doch im Frühjahr 2015 erhielt die Gemeinde Barterode einen gleichermaßen unerwarteten wie ungewöhnlichen Zuzug, der die Einwohnerschaft des Dorfes nicht wenig in Erstaunen versetzte: Ein einsamer Weißstorch (Ciconia ciconia) hatte sich am Rande der Ortschaft niedergelassen. 



Besonders angetan hatte es ihm der Sportplatz. Ohne merkliche Scheu zu zeigen und sich vom zeitweisen Trainingsbetrieb groß stören zu lassen, nutzte dieser in den ersten Tagen die Flutlichtmasten als Aussichtsplattform und Nachtquartier. Der Lärm eines ausgelassenen Disko-Abends im Rahmen der alljährlichen Sportwoche war dem Vogel offenbar aber doch zu viel. Kurzerhand zog er nach Wibbecke um. Doch der dortige Sendemast, den er allabendlich bezog, schien seinen Ansprüchen auch nicht recht zu genügen. Nur wenige Tage später kehrte der Storch schließlich wieder nach Barterode zurück, wo er in den nachfolgenden Monaten dann regelmäßig zu beobachten war. 

Als sich der mutmaßliche Junggeselle Ende Juli schließlich gen Süden aufmachte, wollten viele Barteröder/innen ihren gefiederten – und mittlerweile liebgewonnenen – Neubürger nun nicht mehr missen. Bald schon hatten sich einige Einwohner, meist Mitglieder im NABU, zusammen- gefunden und beschlossen, ihren Storch – sollte dieser im kommenden Frühjahr nach Barterode zurückkehren – nicht nur zum Verbleiben, sondern auch zur Gründung einer Familie zu motivieren. Hieraus entstand schließlich die Idee, dem erhofften Storchenpaar vor Ort eine komfortable Unterkunft anzubieten. 



Fachlichen Rat hierzu fanden die Barteröder Naturfreunde bei Reinald Bode aus Dassel, lang- jähriger Experte in allen Fragen des Storchen-schutzes und zugleich Betreiber des einschlägigen Informations-Portals www.niedersachsenstörche.de im Internet. 


Mit seiner Hilfe konnte mit dem großen Hausgarten der Familie Conny und Horst Wegener, am Ortsrand von Barterode gelegen und kaum 200 m Luftlinie vom Sportplatz entfernt, schnell ein geeigneter Standort für die künstliche Nistplattform ausfindig gemacht werden. Nachdem auch sichergestellt war, daß baurechtliche Vorschriften und Restriktionen dem Vorhaben nicht zu- wider laufen, stand der praktischen Umsetzung nichts mehr im Wege. 

Schnell zeigte sich jedoch, daß das alles andere als einfach war. Denn die hierfür benötigten Bauteile sind keineswegs allesamt im Standardsortiment des Baumarktes nebenan erhältlich. Doch Herausforderungen solcher Art sind dem NABU Samtgemeinde Dransfeld nicht fremd. Kreativität, Improvisationsvermögen und eine weitreichende Vernetzung im Ort verhalfen den Initiatoren zunächst zu dem wichtigsten Bauelement des Kunsthorstes: einem massiven, 12 m langen Stamm aus witterungs-beständigem Lärchenholz. Landwirt Bernhard Dörhage hatte zu- fällig von dem Vorhaben erfahren und sich spontan bereit erklärt, nicht nur eine eigene Lärche des benötigten Formates beizusteuern, sondern den Stamm auch noch aufzuarbeiten und kosten­frei zum Grundstück der Wegeners anzuliefern. 


Während Horst Wegener – von Beruf Tiefbauingenieur – einen stabilen, sturmfesten Unterbau für den Mast entwarf, fertigte Andreas Weiske in seiner Tischlerei nach einer Bauanleitung des NABU eine maßgenaue Unterlage und Nistplattform für den Kunsthorst an. Eine Vielzahl an Arbeitsschritten war erforderlich, bis das ungewöhnliche Konstrukt schrittweise Gestalt annahm: Vom gemeinschaftlichen Aushub des Fundamentes über die anspruchsvolle Spezialanfertigung einer stabilen Halterung aus Metall bis hin zum Einbetonieren der Stützelemente. Auch ein mehrfacher Schutzanstrich des Mastes sowie eine lange Blech-manschette gegen ungebetene Marder- und Waschbärenvisiten, gestiftet von Andreas Zitter, durften nicht fehlen. 


Mehr als 50 ehrenamtliche Arbeitsstunden fielen so alleine schon in der Vorlaufphase des Storchenheimstättenprojektes an. Und auch die Materialkosten waren mit ca. 950 Euro keines- wegs unbeträchtlich und konnten nur durch eine Vielzahl großzügiger, zum Teil diskreter Sach­spenden und Eigenleistungen aus dem Kreis bzw. dem persönlichen Umfeld der Storchen­freunde aufgefangen werden. 

Am Karfreitag 2016 fand auf dem Grundstück der Familie Wegener in Barterode nun der vor- läufig letzte Akt statt. Obgleich der anhaltende Regen das geplante Richtfest eher zur Schiffs- taufe, wenn nicht sogar zur Schlammschlacht geraten ließ, konnte der vorbereitete Mast mit dem traktorradgroßen Nistkorb dennoch innerhalb des vorgesehenen Zeitrahmens gemeinsam aufgestellt und sturmsicher montiert werden. Allen Widrigkeiten des Wetters zum Trotz hatten sich dazu nicht nur die Initiatoren des Projektes und der Vorstand des NABU Samtgemeinde Dransfeld e.V. eingefunden. Auch Storchenexperte Reinald Bode wollte es sich nicht nehmen lassen, der kleinen Einweihungsfeier persönlich als Ratgeber und als Gast beizuwohnen. 

Mit der Anbringung einer dekorativen NABU-Plakette, die Vorstands-Mitglied Walter Peters zum Abschluß am Mast befestigte, übernahm der NABU Dransfeld nicht nur symbolisch, sondern auch offiziell die Patenschaft über das Barteröder Storchenprojekt. Der feierliche Übergabeakt leitete zugleich zum zweiten Teil der Aktion im geräumigen Gartenhaus der Familie Wegener über, das den Akteuren nach mehreren Stunden im Regen nicht nur endlich einen trockenen Unterstand bot. Auch die mittlerweile fertigen Grillwürstchen, der Nudelsalat und diverse warme und kalte Getränke in geselliger Runde entschädigten für das vorherige, witterungsbedingte Ungemach und die vielen ehrenamtlichen Stunden, die das „tierische“ Bauwerk von der ersten Idee bis hin zu seiner Fertigstellung forderte. 

Alle Beteiligten hoffen nun, daß Meister Adebar, welcher einige Wochen zuvor bereits wieder vor Ort gesichtet werden konnte, das ihm angebotene Luxus-Penthouse bald schon bezieht und daß es ihm damit gelingt, auch eine Partnerin für die Begründung einer Familie anzulocken.
Sollte das Kalkül aufgehen, wollen die Barteröder Vogelfreunde alljährlich im Frühling ein kleines Storchenfest veranstalten, um ihre Störche nach der Rückkehr aus dem südlichen Winter­quartier zu begrüßen.


 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

 

 

 





























 

















 


















 

















 

















 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Aktualisiert am: 22.04.2019


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